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Aus Lehrperson wird Lehrcoach: Wie Coaching im Bildungsalltag stattfindet

Die Rolle der Lehrperson unterzieht sich derzeit einem Wandel. Reine Wissensvermittler:innen gehören der Vergangenheit an. Motivierende Lehrcoaches sind gefragt. Doch was bedeutet das für den Unterricht? Lehrpersonen begleiten und fördern Lernende heute individueller, helfen ihnen, eigenständig Wissen zu erwerben, und bereiten sie auf die Anforderungen einer globalisierten Gesellschaft vor. Durch Einfühlungsvermögen und gezielte Unterstützung schaffen sie eine Lernumgebung, in der die Potenziale jedes Einzelnen zur Entfaltung kommen.

Von Sonja Kupferschmid und Pascal von Känel

Im Bildungsbereich wird zunehmend die Bedeutung individueller Förderung betont. Eine vielversprechende Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen, ist die Integration von Coaching-Elementen in den Bildungsalltag. Hierbei übernehmen Lehrpersonen nicht nur die Rolle der Wissensvermittler:innen, sondern agieren auch als Coaches, die Lernende dabei unterstützen, persönliche und fachliche Herausforderungen zu meistern. Diese neue Herangehensweise fokussiert sich darauf, die Eigenverantwortung und Selbstständigkeit der Lernenden zu stärken, ihre persönlichen Stärken zu fördern und sie zu ermutigen, neue Perspektiven einzunehmen.

Lehrpersonen integrieren bereits heute erste Coaching-Elemente in ihren Unterricht. Der Fokus liegt oft auf der Lösung eines spezifischen Problems oder Anliegens oder dem Empowern von Lernenden. Themen von Coachings in der Bildung können unter anderem die Stärkung des Selbstvertrauens, das Erlernen effektiver Lernmethoden oder den Abbau von Stress umfassen (Büermann et al., 2009).

Individuelle Förderung statt Einheitsbrei

Lehrpersonen können in verschiedenen Situationen als Lehrcoach agieren. Dies kann in Einzelgesprächen, bei Standortbestimmungen oder in Gruppenarbeiten erfolgen (Berchtold & Rapold, 2020). Ein zentrales Thema im Bildungsalltag ist die Lernberatung. Neben der Wissensvermittlung gibt der Lehrcoach gezielte Hilfestellungen, welche die Lernenden dazu befähigen, sich eigenständig Wissen anzueignen. Auch die Förderung eines Growth Mindset ist hier gefragt. Die Lernenden sollen eine Grundhaltung entwickeln, dass Intelligenz und Wissen veränderbar ist. Somit können sie von ihren Fehlern lernen, Herausforderungen ohne Zweifel angehen und sehen Anstrengung als Weg zum Erfolg (Büermann et al., 2009).

Werkzeuge für moderne Lehrcoaches

Verschiedene Coaching-Elemente können helfen, diese Rolle des Lehrcoachs sinnvoll in den Unterricht zu integrieren (Berchtold & Rapold, 2020).

Coaching-Grundhaltung

Die Lehrperson sollte eine sogenannte Coachinghaltung einnehmen. Diese soll konstruktivistisch, systemisch und ressourcenorientiert sein. Wichtig ist auch eine Offenheit für Experimentierfreudigkeit, auch was neue Techniken, wie KI angeht.

Gezielte Fragen und aktives Zuhören

Statt direkt Lösungen vorzuschlagen, sollten Lehrcoaches davon ausgehen, dass Lernende ihre Probleme selbst lösen können. Der Lehrcoach unterstützt lediglich den Prozess der Lösungsfindung. Fragen wie: „Was hast du dir in dieser Situation schon überlegt?“ oder „Welche Möglichkeiten siehst du, um mit diesem Thema umzugehen?“ geben den Ball zurück an die Lernenden und stärken deren Eigeninitiative.

Perspektivenwechsel

Lernende werden ermutigt, eine andere Sichtweise auf ihr Problem einzunehmen. Eine mögliche Frage könnte lauten: „Wenn du das Problem verschlimmern müsstest, was würdest du tun?“. Gleichzeitig sollte auch der Lehrcoach die Perspektive wechseln und das Problem aus der Sicht der Lernenden betrachten. So kann er sich zurücknehmen und sich auf die Entwicklungsschritte der Lernenden konzentrieren.

Klare Absprachen und Regeln

Transparente Vereinbarungen sind oft hilfreicher als Schonbehandlungen. Alle Beteiligten sollten genau wissen, was bis wann erreicht werden muss und welche Konsequenzen bei Nichteinhaltung folgen. Solche Absprachen zeigen, dass den Lernenden viel zugetraut wird.

Selbstreflexion

Ein Lehrcoach sollte sich regelmässig selbst reflektieren. Dies erfordert eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle sowie Übungsfelder, Geduld und Offenheit für neue Erfahrungen.

Fliessende Rollenwechsel

Als Lehrperson liegt der Fokus oft auf bewertenden Aufgaben: Es gibt richtig oder falsch, gut oder schlecht. Als Lehrcoach hingegen gibt es keine festen Antworten. Hier geht es darum, individuell passende Lösungen zu finden. Transparenz über die jeweilige Rolle ist ebenfalls entscheidend. Ein Beispiel für einen Rollenwechsel könnte eine kurze Ansage sein: „In dieser Situation begleite ich dich als Coach und nicht als Lehrperson.“ Diese Klarheit hilft beiden Seiten, die jeweilige Rolle zu verstehen (Büermann et al., 2009). Zudem müssen Lehrcoaches ihre eigenen Grenzen kennen. Als Lehrperson wird oft erwartet, auf alle Fragen eine Antwort zu haben. Ein Lehrcoach sollte jedoch klar kommunizieren, wenn ein Anliegen seine Kompetenzen übersteigt, und die Lernenden an Fachpersonen weiterleiten (Berchtold & Rapold, 2020).

Fazit: Der Lehrcoach als Schlüssel zur Bildung der Zukunft

Die Entwicklung von der traditionellen Lehrperson zum Lehrcoach ist ein spannender Schritt in der Bildungslandschaft. Der Lehrcoach schafft eine unterstützende Lernumgebung, die die individuellen Interessen und Stärken der Lernenden in den Fokus rückt. Dadurch werden sie nicht nur empowert, sondern entwickeln auch eine Liebe zum Lernen, was eine Grundlage für lebenslanges Wachstum und ein erfüllteres Leben ist (Peterson & Seligman, 2004). Gleichzeitig fördert der Lehrcoach durch empathische Begleitung und gezieltes Feedback wichtige Kompetenzen für die moderne Gesellschaft. Lehrpersonen, die diesen Wandel annehmen, gestalten nicht nur ein dynamischeres und motivierenderes Lernumfeld, sondern tragen auch zur Persönlichkeitsentwicklung und Selbstständigkeit der Lernenden bei, indem ein Growth-Mindset gefördert wird.


Quellenangaben

Berchtold, V. & Rapold, C. (2020). Sieben Tipps für das Coaching im Unterricht. Skilled, 2, 20-21. https://www.ehb.swiss/sites/default/files/downloads/skilled_2020-2-20-21_-_de_berchtold_rapold.pdf

Büermann S., Ehrhardt, A., Munderloh, W., Nixdorf-Rahn, U. & Schorcht, J. (2009). Der Lehrer als Lernbegleiter und Coach. Chancen im Alltag. Serviceagentur Ganztägig lernen. Hessen. https://www.ganztag-hessen.de/sites/default/files/2009_SAG_Broschuere_Coaching_Einzelseiten_0.pdf

Peterson, C. & Seligman, M. E. P. (2004). Character Strengths ans Virtues: A Handbook and Classification. Oxford University Press.


Die Autorenschaft

 

Sonja Kupferschmid

ist beim Coachingzentrum Olten in der Geschäftsführung tätig und hat sich beim Auf- und Ausbau des Weiterbildungsangebotes vertieft mit dem Thema Coaching auseinandergesetzt. Durch ihre langjährigen praktischen Erfahrungen und umfangreiches Knowhow als Arbeits- und Organisationspsychologin, als Coach und Ausbildnerin sowie in der Produkteentwicklung verfügt sie über ausgewiesenes Expertenwissen in den Bereichen Coaching, betriebliches Mentoring, Resilienztraining und Supervision & Teamcoaching.

Pascal von Känel

befindet sich im Masterstudium für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie & Verhaltensmedizin an der Universität Bern. Mit ersten Berufserfahrungen im Bildungswesen und der Psychiatrie unterstützt er das Coachingzentrum als Mitarbeiter in der Produktentwicklung sowie im Bereich Marketing und Kommunikation.