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«Wer seine Werte transparent macht, wirkt glaubwürdig»
Alexandra Herren ist seit acht Jahren selbstständig als Businesscoach tätig. Die Ausbildung beim Coachingzentrum mit dem Zertifikat «CAS Coaching» hat ihre Haltung nachhaltig verändert und ihren Umgang mit Werten geprägt. Alexandra Herren gibt wertvolle Einblicke in ihre Arbeit und erläutert, inwiefern Werte mehr als nur Schlagworte sind.
Interview: Sophie Plüss
Vor 15 Jahren hast du beim Coachingzentrum deine Coaching-Ausbildung abgeschlossen. Wie integrierst du die damals erworbenen Fähigkeiten in deiner heutigen Arbeit?
Die Ausbildung war für mich ein gut sortierter Werkzeugkasten. Gerade in den Anfängen meiner Arbeit habe ich regelmässig mit meinem Tool-Ordner gearbeitet. Viele Tools nutze ich noch heute, doch viel entscheidender ist mittlerweile die Haltung, die ich damals gelernt habe: neugierig bleiben, genau hinhören, den Menschen nicht reparieren, sondern begleiten. Diese Haltung prägt mein Coaching bis heute.
Was hat dich dazumal dazu bewegt, den Lehrgang mit dem Abschluss «CAS Coaching» zu absolvieren?
Ich war mitten in meiner Führungsrolle und verantwortlich für den Aufbau eines Ausbildungszentrums. Dabei habe ich gespürt, dass mein Herz für die Einzigartigkeit des Menschen und deren Entwicklung schlägt. Kompetenzentwicklung, Schulungsmodule, Lehrgänge waren wichtig, doch viel wichtiger schien mir, hinzuschauen, wo die Stärken jedes Einzelnen sind und was Menschen im Kern bewegt, sich zu entwickeln – jenseits von Lernzielen. Die Coaching-Ausbildung war für mich der Türöffner dazu.
Wie würdest du deine Arbeit als Werte-Coach beschreiben?
Ich helfe Menschen, ihren inneren Kompass wiederzufinden. Viele sind tagtäglich im Autopilotmodus unterwegs – schnell, effizient, aber nicht unbedingt glücklich. Und nicht bei sich und den eigenen Bedürfnissen. Wertearbeit ist dann wie ein Navi-Update: Plötzlich weiss man wieder, wohin die Reise geht, was einem wichtig ist, und woher die Unzufriedenheit im Alltag rührt. Die Selbstwirksamkeit wird wieder stärker, die Fremdsteuerung im Aussen wird reduziert. Genauso begleite ich Teams dabei, ihre gemeinsamen Werte als verbindende Sprache sichtbar zu machen, die Zusammenarbeit, Vertrauen und Kultur stärkt.
Inwiefern hat der Abschluss «CAS Coaching» deine Arbeitsweise als Werte-Coach beeinflusst?
Sie hat mir beigebracht, wie wichtig das eigene Wertebewusstsein ist. Wie tief verankert unser Wertesystem ist. Und gute Fragen zu stellen und dann die Stille auszuhalten, bis innerlich die guten Antworten beim Gegenüber auftauchen. Klingt banal, ist aber ein Gamechanger. Ich habe gelernt, dass der Raum zwischen zwei Fragen oft mehr Klarheit bringt als jede schnelle Antwort.
Inwiefern hat die Coaching-Ausbildung dein Verständnis von zwischenmenschlicher Kommunikation vertieft, gerade im Hinblick auf Wertearbeit?
Werte sind unsichtbar, doch sie sprechen ständig mit. Sie prägen unsere Einstellung und wie wir die Dinge in der Welt sehen. Ich habe in der Ausbildung verstanden, wie wichtig es ist, zuzuhören, was zwischen den Worten liegt. Und das eigene Rechthaben loszulassen, weil in jedem Wertesystem etwas anderes wichtig ist. Und dass Werte auch unsere Emotionen mitbestimmen und wie wir aus der Haltung heraus bereits ohne Worte kommunizieren. Manchmal sagt ein Lächeln mehr über einen Wert aus als ein langer Monolog.
Was ist für dich persönlich die grösste Bereicherung durch die Kombination aus Coaching und Wertearbeit?
Dass Menschen plötzlich wieder sich selbst mehr wahrnehmen. Die Klarheit, die sich ergibt, wenn wieder unterschieden werden kann, welche Ziele die eigenen sind – und welche nicht. Die Leichtigkeit, mit der man wieder mutig Prioritäten setzen und Beziehungen loslassen kann, die schon lange nicht mehr zu den eigenen Werten passen. Besonders bereichernd ist es, wenn ganze Teams in diese Klarheit kommen dann entsteht eine Kultur, die gemeinsam trägt.
Wieso ist es wichtig, dass Führungskräfte ihre Werte dem Team offen und konsistent mitteilen? Und wie unterscheiden sich solche Führungskräfte von jenen, die dies nicht tun?
Führung basiert immer – ob bewusst oder unbewusst – auf Werten. Wenn wir darüber nicht offen sprechen, wirken wir zwar mit modernen Führungsinstrumenten, doch unser inneres «Ticken» kommt ohnehin durch. Ohne die Klarheit der Werte ist Bewegung da, aber die Richtung bleibt verschwommen. Wer seine Werte transparent macht, wirkt berechenbar, nahbar und glaubwürdig und erkennt Spannungen, bevor sie zum echten Konflikt werden. Noch kraftvoller wird es, wenn das ganze Team seine Werte teilt , denn dadurch entsteht eine gemeinsame Orientierung, die Konflikte entschärft und Zusammenarbeit erleichtert.
Werte werden von dir als persönliche Navigationsinstrumente beschrieben. Was macht einen Wert für dich greifbar?
Greifbar wird ein Wert, wenn er sichtbar gelebt wird. Nicht nur im Leitbild oder im Editorial auf der Website, sondern im Alltag. «Vertrauen» ist kein Poster an der Wand, sondern wird echt, wenn eine Führungskraft auch mal Kontrolle loslässt. «Respekt» ist nicht die Schlagzeile im Jahresbericht, sondern der Tonfall im Montagmorgen-Meeting. «Hilfsbereitschaft» wird am Freitag um 17 Uhr sichtbar, wenn ein Projekt noch nicht fertig ist.
Was sind typische Herausforderungen, wenn Menschen versuchen, nach ihren Werten zu handeln?
Manchmal merken sie: Oh, meine Werte und meine Umgebung passen gar nicht mehr zusammen. Dann wird’s unbequem. Viele scheuen sich auch, «Nein» zu sagen, dabei ist ein klares Nein oft die ehrlichste Form von Selbstfürsorge. Ein Satz, der aus der Coaching-Ausbildung von damals gut in meiner Erinnerung geblieben ist: «Ein Nein zu anderen ist oft ein JA zu dir selbst.»
Haben sich deine persönlichen Werte im Laufe deiner beruflichen Laufbahn verändert – und wenn ja, wie wirkt sich das auf deine Arbeit aus?
Ja, definitiv. Früher waren Effizienz und Leistung mein heiliger Gral – und es mit meiner überdurchschnittlichen Dienstleistungsorientierung allen recht zu machen. Und das auch nach Feierabend. Heute weiss ich: Klarheit und Balance sind meine echten Wegweiser. Das verändert auch mein Coaching und mein Angebot. Ich arbeite nicht mehr mit dem Anspruch, Menschen noch effizienter zu machen, sondern ausgeglichener. Energie und Ressourcenmanagement sind heute zentrale Elemente in meinen Coachingsessions. Und Synchronisation in den Teams hilft, das, was bereits da ist, integraler zu nutzen.
Würdest du die Ausbildung mit dem Abschluss CAS Coaching empfehlen, und welchen Rat würdest du jenen geben, die sich für eine Coaching-Ausbildung interessieren?
Auf jeden Fall. Wichtig finde ich, dass man nicht nur mit der Erwartung «ich lerne Methoden», sondern auch mit der Bereitschaft: «ich lerne zuerst mich selbst kennen» in die Ausbildung geht. Das kann einem manchmal ganz schön den Spiegel vorhalten und Ecken und Kanten beleuchten, die wir im Alltag gerne übersehen. Und doch beginnt genau dort die Klarheit: in uns selbst. Darum sind Werte für mich auch das Tor zur inneren Kraft geworden.

Zur Person
Alexandra Herren verbindet Wertearbeit mit praxiserprobter Führungserfahrung: 20 Jahre in Leitungsfunktionen, seit acht Jahren selbstständig als Businesscoach. Sie stärkt Führungskräfte und Teams in Klarheit, Selbstführung und nachhaltiger Performance. Ihr Coachingraum in Neuenegg steht auch Privatpersonen offen, die ihren inneren Kompass schärfen wollen. Den Ausgleich findet sie im Outdoor-Sport, dort tankt sie Energie und findet Ausgleich und Inspiration.
