Betriebliches Mentoring – Den Fachkräftemangel auffangen

In gewissen Berufsfeldern ist er schon deutlich spürbar, der Fachkräftemangel. Immer mehr Unternehmen können ihre Arbeitsstellen nicht besetzen, weil keine passend qualifizierten Personen zur Verfügung stehen. Arbeitnehmende hingegen müssen sich den immer höher werdenden Qualifikationsanforderungen stellen. Die Lage auf dem Schweizer Arbeitsmarkt ist unausgeglichen und verschärft sich von Jahr zu Jahr — betriebliches Mentoring bietet Lösungen.

Von Sonja Kupferschmid Boxler, Coachingzentrum Olten GbmH, in personalSCHWEIZ, Ausgabe 7

Die Arbeitsbeschäftigung hat in der Schweiz in den letzten 60 Jahren stetig zugenommen, und auch die Arbeitslosenquote ist auf tiefstem Niveau seit Langem. Auf den ersten Blick sind dies gute Nachrichten. Doch die Kehrseite dieser Entwicklungen ist: Passend qualifizierte Fachkräfte werden stärker umkämpft, und da ist auch in naher Zukunft keine Besserung in Sicht.

Fachkräftemangel – wer ist betroffen?

Der Arbeitsmarkt ist breit und vielfältig. Wo sich der Fachkräftemangel am stärksten zeigt bzw. abzeichnen wird, ist nicht ganz einfach zu bestimmen. Nach dem Fachkräftemangel-Index der Adecco Gruppe Schweiz und des Stellenmarkt- Monitors der Universität Zürich (2018) sind insbesondere Berufsgruppen im Treuhandwesen, in Ingenieur-, Technik- und Informatikberufen sowie höher qualifizierte Berufe im Gesundheitswesen betroffen. Tiefe Frauenanteile, überdurchschnittliche Qualifikationsanforderungen und unterdurchschnittliche Arbeitslosigkeit sind Charakteristiken dieser Berufsfelder, die den ungedeckten Fachkräftebedarf erklären (SECO, 2016).

Brandaktuelle Schätzungen von UBS-Experten (2019) verstärken das trübe Bild: Setzt sich das Beschäftigungswachstum wie seit 1960 fort und bleibt die Nachfrage nach Arbeitskräften gleich stark wie in den letzten 15 Jahren, so fehlen der Schweiz bis 2030 eine halbe Million Arbeitskräfte – inklusive einberechnetem Bevölkerungswachstum. Diese Zahl verdeutlicht: Die Schweizer Wirtschaft braucht Lösungen, um diesen Szenarien entgegenzuwirken.

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Betriebliches Mentoring und Coaching – ein geeigneter Weg?

Finden Sie mit den folgenden Leitfragen heraus, ob betriebliches Mentoring bzw. Coaching ein möglicher nächster Schritt für Sie ist.

… für Unternehmen:

 

  • Ist es uns ein Anliegen, etwas gegen den zunehmenden Fachkräftemangel zu tun?
  • Möchten wir in unserem Betrieb Vielseitigkeit und Flexibilität fördern?
  • Ist es uns wichtig, nachhaltig unternehmerisch zu denken, und setzen wir dies in der Praxis bereits um?
  • Möchten wir unseren Mitarbeitenden eine persönliche und berufliche Weiterentwicklung ermöglichen?
  • Möchten wir bei unseren Mitarbeitenden das Sinnerleben am Arbeitsplatz stärken?

 

… für Einzelpersonen:

 

  • Bereitet es mir Freude, Menschen bei Lern-, Veränderungs- und Entwicklungsprozessen durch Impulse und Perspektivenwechsel zu unterstützen?
  • Bin ich empathisch und interessiere ich mich dafür, welches die Hintergründe für das Handeln meines Gegenübers sind?
  • Ist es mir wichtig, lösungs- und ressourcenorientiert zu denken, zu handeln und zu arbeiten?
  • Macht es mir Spass, in Prozessen zu denken und kreative Lösungswege mitzuentwickeln?
  • Möchte ich mir Karrierewege ermöglichen und in meinem Tun mehr Sinnhaftigkeit erlangen?

 

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Arbeitsmarktlücken schliessen

Die geschilderte Arbeitsmarktsituation wird zukünftig sowohl für Arbeitgebende als auch für Arbeitnehmende spürbar sein. Ansatzpunkte, mit denen sich die Arbeitsmarktlücken schliessen oder zumindest verringern lassen, bietet das betriebliche Mentoring.

Aus Arbeitgebersicht:

Vielseitigkeit und Flexibilitätfördern
Aus Arbeitgebersicht sind Arbeitskräfte mit verschiedenen Qualifikationen aufgrund ihrer breiten Einsetzbarkeit viel wert. Durch die Begleitung von Mitarbeitenden bei Lern-, Veränderungs- und Entwicklungsprozessen im Rahmen eines betrieblichen Mentorings erweitern diese ihre Selbststeuerungsfähigkeiten und üben sich darin, neue Perspektiven einzunehmen. Dies wiederum hilft ihnen, je nach Setting in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen und spezifi sche Kompetenzen abzurufen. Auch werden Potenziale für die Weiterentwicklung zu Fachexperten/- innen erkannt und können gezielt ausgeschöpft werden. So betrachtet, können Unternehmen dem Fachkräftemangel entgegenwirken, indem sie Vielseitigkeit, Flexibilität und Potenzialnutzung betriebsintern fördern und fordern.

Nachhaltig unternehmerisch denken
Personen im Unternehmen zu betrieblichen Mentor/-innen auszubilden, ist eine Investition, die sich langfristig auszahlt. Mit der Begleitung von Mitarbeitenden durch betriebliche Mentor/-innen ermöglichen Arbeitgebende eine berufliche und auch persönliche Weiterentwicklung und stellen dadurch stetiges Lernen sicher. Dies fördert nicht nur die Entwicklung neuer Fähigkeiten, sondern geht auch mit mehr Motivation, höherer Arbeitszufriedenheit und effizienteren Leistungen einher. Mit anderen Worten: Durch betriebliches Mentoring wird die Mitarbeiterbindung gestärkt, was zu geringeren Fluktuationszahlen führt. Folglich lässt sich der zukünftige Fachkräftebedarf nicht nur durch betriebsinterne Befähigung, sondern auch durch die damit verbundene Arbeitgeberattraktivität senken.

Sinnerleben bei der Arbeitstärken
Betriebliche Mentor/-innen unterstützen Mitarbeitende zusätzlich dabei, den Sinn und Wert der eigenen Arbeit zu erkennen – ein Arbeitsmerkmal, das sich jeder wünscht. Insbesondere bei Krisen aufgrund von Routinen oder Langeweile am Arbeitsplatz sind betriebliche Mentor/- innen geeignete Gesprächspartner. Durch die Reflexion aktueller Arbeitssituationen und die Ausarbeitung passender Verhaltens- und/oder Veränderungsstrategien wird Betroffenen der Sinn der eigenen Aufgaben (wieder) bewusster. Dieses Sinnerleben regt sie dazu an, einen Schritt weiter zu denken und das eigene Aufgabenfeld auszuschöpfen sowie zu erweitern.

Aus Arbeitnehmersicht:

Sich Karrierewege ermöglichen
Nicht nur aus Arbeitgeber-, sondern auch aus Arbeitnehmersicht ist es zu Zeiten des dynamischen Arbeitsmarktes ein klarer Vorteil, wenn man breit ausgebildet und vielseitig einsetzbar ist. Ein möglicher Weg dazu ist, sich zum/zur betriebl. Mentor/-in auszubilden bzw. ausbilden zu lassen. Als betriebl. Mentor/-in begegnet man in seiner Arbeit immer wieder neuen Ansichten, Meinungen und Einstellungen, wodurch man zusätzliche Arbeits- und Sichtweisen erlangt. Gerade diese vielfältige Befähigung ist in der heutigen Arbeitswelt wichtig, um sich im Sinne des lebenslangen Lernens die eigenen Chancen im Berufsleben hoch zu halten und sich Karrierewege zu ermöglichen. Bleibt man als Berufsperson am Ball, so gelingt es, auf Veränderungen im Arbeitsmarkt passend zu reagieren.

Eigene Sinnhaftigkeit erlangen
Zusätzlich erlebt man als betriebl. Mentor/-in dadurch, dass man Mitarbeitende in ihrer beruflichen und persönlichen Weiterentwicklung unterstützt, die eigene Arbeit als sinnvoll. Insbesondere die Erkenntnis, dass Impulse anklingen und weiterhelfen, stärkt die persönliche Identifikation mit der Arbeitstätigkeit. Betriebliches Mentoring fördert somit nicht nur das Sinnerleben des Gegenübers, sondern führt dazu, dass man auch in seinem eigenen Tun mehr Sinnhaftigkeit erlangt und somit zufriedener ist.

Blick nach vorne und nach innen

Wie die aktuellen Untersuchungen zeigen, dürften Unternehmen noch eine Weile Schwierigkeiten haben, auf dem Arbeitsmarkt passend qualifizierte Fachkräfte zu finden. Auch Arbeitnehmende werden mit den Auswirkungen des Fachkräftemangels früher oder später konfrontiert sein. Es ist also an der Zeit, den Blick verstärkt «nach innen», d.h. in den Betrieb und dessen Strukturen, zu richten und das Potenzial von dem, was aktuell ist und durch gezielte Weiterentwicklung werden kann, zu erkennen und wertzuschätzen.


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