Die innere Widerstandskraft stärken

Mit dem Resilienzkonzept sollen Herausforderungen besser bewältigt werden können und es soll präventiv gegen Belastungen und Stress wirken. Wer es anwenden will, braucht aber Mut: Mut, sich selber besser kennenzulernen und sich damit auseinanderzusetzen, was einem gut tut und was man braucht.

Artikel erschienen im Organisator 06/19 mit Sonja Kupferschmid Boxler, von Marianne Rupp

Resilienz als Begriff war vor ein paar Jahren in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt. Heute hingegen ist das Wort gut verankert. Dies bestätigt Sonja Kupferschmid, die als Mitglied der Geschäftsleitung und Trainerin im Coachingzentrum Olten die Ausbildung Certificate of Advanced Studies (CAS) in Resilienztraining leitet. «Der Resilienzansatz geht vom präventiven Denken aus, ist lösungsund ressourcenorientiert», sagt Sonja Kupferschmid. Es gehe darum, Menschen so zu stärken, dass sie gar nicht in eine Negativspirale wie etwa ein Burnout kommen. «Resilienz ist der Prozess des erfolgreichen Umgangs mit Herausforderungen», definiert Kupferschmid den Begriff. Dabei hebt sie hervor, dass Resilienz – oft als innere Widerstandskraft beschrieben – nicht statisch, also von Geburt an gegeben, sondern trainierbar sei.

Die fünf Ressourcenebenen. Das Prozessmodell, das Kupferschmid in ihren Lehrgängen vermittelt, basiert auf fünf Ressourcenebenen: die soziale, emotionale, kognitive, motivationale und körperliche Ressource. «Einem resilienten Menschen sind seine Ressourcen bewusst und er kann sich vielseitig darin abstützen», erklärt Kupferschmid. In schwierigen Situationen könne er beispielsweise auf seine sozialen Kontakte zurückgreifen, kenne Tools und Techniken im kognitiven Bereich oder wisse, wo seine Tankstellen im Bereich der motivationalen Ressourcen liegen. Ebenso reflektiere ein resilienter Mensch, wie er bisherige Herausforderungen bewältigt habe und warum ihm das gelungen sei. «Weniger resiliente Menschen bezeichnen es oft als Glück, wenn sie eine schwierige Situation meistern können. Sie denken, irgendwie geht es schon», sagt Kupferschmid. Nebst dieser unterschiedlichen Grundhaltung hätten diese Menschen zudem einen eingeschränkten Zugang zu ihren Ressourcen. «Oft kennen sie nur eine Bewältigungsstrategie und können nicht auf die fünf Ebenen zurückgreifen », erläutert Kupferschmid.

Wer ein Resilienztraining absolviert, arbeitet an seinen Ressourcen, lernt sie kennen, trainieren und bewusst anwenden. «Manchmal sind die Leute anfangs frustriert», weiss Kupferschmid. «Sie erwarten ein 10-Schritte-Programm, das sie durchlaufen müssen, um für immer und ewig resilient zu sein.» Doch das gebe es nicht. Sich mit seiner Resilienz auseinanderzusetzen sei anstrengend, eine richtige «Büez», ein fortlaufender Prozess und sehr persönlich. Die Trainerin veranschaulicht das an einem Beispiel: Wenn jemand Tipps wolle, wie er seine Situation – täglich 10 Stunden Arbeit, zwei Stunden pendeln, kleine Kinder – besser bewältigen könne, schlage sie vor, ein- bis zweimal pro Woche abends ins Yoga zu gehen. «Ich ernte dann ungläubige Blicke», sagt Kupferschmid. «Was ich den Leuten klar machen will: Es gibt keine Tipps und Tricks, die für alle gelten. Bei einem würde Yoga vielleicht helfen, bei einem anderen ist dieser Ratschlag völlig kontraindiziert.» Wichtig sei, dass man nicht von sich auf andere schliesse und Rezepte verteile. «Um die Resilienz bei sich und anderen zu stärken, braucht es mehr als gesunden Menschenverstand und Lebenserfahrung », sagt die Trainerin.

Das hat auch Mirjam Meyer gemerkt, die im Jahr 2016 den CAS Resilienztraining abgeschlossen hat. Damals führte sie als Führungsverantwortliche in einer Non-Profit-Organisation sieben Betriebsleitungen. «Früher dachte ich, ich muss auf die Fragen meiner Mitarbeitenden immer eine Lösung oder einen Ratschlag parat haben», sagt Meyer. In der Weiterbildung habe sie vielfältige Interventionsmöglichkeiten kennengelernt und geübt, wie sie mittels Rückfragen ihre Mitarbeitenden dazu bringen kann, selber auf ihre Lösung zu kommen. «Ich konnte so ihre Eigenständigkeit fördern, sie wurden selbständiger und somit selbstbewusster», sagt Meyer. Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmtheit sind gemäss Kupferschmid zwei wichtige Resilienzfaktoren.

Persönlichkeitsbildung. Kupferschmid beginnt die Weiterbildung beispielsweise mit dem sogenannten Ressourcenrad. Mit seiner Hilfe können die Teilnehmenden ihren Ist- und Soll-Zustand darlegen. So definiert jeder seine persönlichen Bereiche, an denen er arbeiten will. Die Trainerin erinnert sich beispielsweise an einen Mann, der zwar merkte, wenn ihn im Team etwas stresste, es aber nicht adäquat ausdrücken konnte. «Sein Thema war die Emotionsregulation. Im Rahmen der emotionalen Ressourcen musste er lernen, Unstimmigkeiten anzusprechen», sagt Kupferschmid. Sie begleitete ihn auf der ressourcenorientierten Suche: Gab es Situationen, wo es ihm schon gelungen war, seine Emotionen adäquat auszudrücken oder gibt es einen Menschen, der ihm als Vorbild dienen könnte? Ebenso hilfreich kann das Lernen verschiedener Techniken sein, etwa der gewaltfreien Kommunikation. Kupferschmid erarbeitet mit den Teilnehmenden jeweils individuelle Massnahmen, damit sie ihre Persönlichkeit weiterentwickeln.

Auch Mirjam Meyer hat im CAS verschiedene persönliche Themen bearbeitet. Eines davon war «Annehmen und Loslassen». «Im Führungsalltag gibt es immer wieder herausfordernde Situationen, die man nur bedingt ändern kann», sagt Meyer. Diese müsse man lernen anzunehmen und gleichzeitig zu überlegen, wie am besten damit umzugehen sei. «Dabei darf ich nicht in eine Opferhaltung fallen, zur Marionette werden, sondern im Rahmen meiner Möglichkeiten selbstbestimmend die Verantwortung übernehmen », sagt Meyer. Viel gelernt habe sie auch zum Thema Verstand und Emotionen. «Jede Führungskraft kennt die Situation: Es werden Aufgaben verteilt, der Mitarbeitende bekräftigt, dass er es erledigen wird und dann – passiert nichts.» Meyer hat gelernt, dass dieser Mitarbeitende rational zugesagt hat, weil er es auf der Ebene des Verstandes gut fand. «Aber das subjektive, emotionale Erfahrungsgedächtnis, landläufig auch Bauchgefühl genannt, ist nicht mit an Bord», erklärt Meyer. Diese Divergenz gelte es zu erkennen, zu ergründen und wenn möglich zu beseitigen.

Die wichtigsten Erkenntnisse ihrer Weiterbildung gab Meyer jeweils direkt an ihre Mitarbeitenden weiter. So konnte das Team seine Zusammenarbeit in diversen Punkten verbessern. Beispielsweise stimmten sie dank dem Thema Vitalität und Biorhythmus die Arbeitszeiten besser auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden ab, indem sie die individuellen Neigungen bezüglich Früh- oder Spätschicht berücksichtigten.

Der Resilienzprozess im Team. Führungsverantwortliche spielen eine wichtige (Vorbild-)Rolle, wenn es darum geht, die Resilienz des Teams und der einzelnen Mitarbeitenden zu stärken. Einerseits soll sich die Führungskraft selber gut mit der eigenen Resilienz auseinandersetzen. Andererseits liegt es an ihr, den Mitarbeitenden Rahmen zu schaffen, in denen sie sich einbringen und ihre individuellen Lösungen erarbeiten können. Dazu gehören gemäss Kupferschmid unter anderem eine konstruktive Fehler- und Lernkultur, Weiterbildungen, Entscheidungsfreiheit. «Ebenso wichtig ist eine offene Kommunikation, wo über Belastungen und eigene Grenzen gesprochen werden darf», sagt Kupferschmid. «Es braucht auch Vertrauen, damit über Spannungsfelder diskutiert werden kann und eine Wertediskussion, in der die Sinnhaftigkeit der Arbeit thematisiert werden soll.» Gerade das Thema Wert sei im Rahmen des Resilienzprozesses fundamental. «Jeder muss für sich die Frage beantworten: Was ist mir wichtig und wie gelingt es mir, dies beruflich und privat zu leben?» Resilienz bedeute aber nicht, dass alles hundertprozentig stimmen und überall das Maximum erreicht werden müsse. «Resilienz hat mit Verzicht zu tun, mit einem gesunden Kompromiss», erläutert Kupferschmid. «Aber man sollte regelmässig reflektieren, ob es für einen noch stimmt oder ob der Moment gekommen ist, etwas zu ändern.»

Weder «Kuschelseminar» noch Legitimation für mehr Druck. Unternehmen, die Resilienz als Thema einführen wollen, sollen klar sagen, warum sie es anbieten und in welchem Rahmen. Sonst besteht laut Kupferschmid die Gefahr, über zwei Stolpersteine zu fallen: «Auf der einen Seite kann das Thema als psychologisches Hobbykuschelseminar missverstanden werden, auf der anderen Seite könnten die Mitarbeitenden es als Legitimation auffassen, noch mehr Druck und Stress auf sie auszuüben.»

Für Mirjam Meyer, die inzwischen als selbständiger Coach arbeitet, ist klar: «Mich mit dem Thema Resilienz auseinanderzusetzen war gleichzeitig anstrengend, unglaublich spannend und bereichernd: Es betrifft die persönlichen Werte, die eigenen Reaktionen und meine Weiterentwicklung und steht zugleich im Zusammenhang mit meinem beruflichen sowie privaten Umfeld.»

 

 

 

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