Durch die interkulturelle Brille - Januar 2020

Embodied Diversity


Artikel verfasst von Claudia Meierhans, Dozentin IZB, PH Zug

Embodied Diversity ist ein gemeinsames Projekt von Mireille Eva Gugolz, Expertin für Körperkommunikation und dem Institut für Internationale Zusammenarbeit in Bildungsfragen IZB der PH Zug.

Embodiment heisst wörtlich übersetzt «Verkörperung». Diversity bezieht sich auf die kulturelle Vielfalt. Wir sind überzeugt, dass sich durch die Verbindung von Embodiment und Interkulturalität neue Zugänge für die Reflexion interkultureller Erfahrungen und neue Möglichkeiten zur Erweiterung der interkulturellen Kompetenz auftun.

Traditionelle Interkulturalitäts-Ansätze fokussieren mehrheitlich auf kognitive Prozesse. Dazu gehören das bewusste Wahrnehmen und Überdenken von Denk- und Deutungsmustern sowie Normalitäts- und Wertvorstellungen. Embodied Diversity erweitert diese Interkulturalitäts-Ansätze um Aspekte der körperlichen Wahrnehmung. Embodied Diversity geht nämlich davon aus, dass Grundhaltungen und Lebensgewohnheiten eng mit unserem körperlichen Empfinden und unseren Emotionen verbunden sind. Denk- und Deutungsmuster, welche das eigene Verhalten leiten, sind oftmals im Körper spürbar, bevor sie im Denkprozess bewusst erfasst werden können. Beispielsweise können ungewohnte soziale Interaktionen Gefühle wie Irritationen oder Unsicherheiten auslösen, die als Anspannung oder erhöhter Puls im Körper spürbar sind. Embodied Diversity nutzt diese körperlichen Reaktionen als Zugang zu sich selbst und seiner Beziehung zu seinem sozialen Umfeld. Dabei gilt, dass jeder Mensch in seinen Empfindungen subjektiv «richtig» liegt. Durch die Schärfung der eigenen Körperwahrnehmung kann jede Person selber feststellen, ob, wann und im besten Falle auch weshalb sie sich in einer bestimmten Situation irritiert, verärgert oder überfordert fühlt, oder ob, wann und weshalb sich eine Begebenheit besonders stimmig anfühlt.

In erster Linie bietet Embodied Diversity also Zugang zu einer geschärften Selbstwahrnehmung und richtet dabei den Fokus auf interkulturelle Begegnungssituationen. Durch das bewusste Wahrnehmen der eigenen Empfindungen in bestimmten Situationen können die Auswirkungen von verschiedenen Verhalten erkundet und in einem zweiten Schritt darüber entschieden werden, ob bestehende Verhaltensmuster beibehalten oder verändert werden möchten. Dadurch kann die Flexibilität hinsichtlich der bestehenden, eigenen Verhaltensweisen unterstützt, die Erprobung neuer Handlungsoptionen angeregt und die Aufnahme von neuen Verhaltensweisen in das bestehende Handlungsrepertoire ermöglicht werden.

Für die eigene Coachingtätigkeit bedeutet dies, dass sich insbesondere auch bei interkulturellen Fragestellungen ein verstärkter Einbezug von körperlichen Signalen als Ausdruck der persönlichen und psychischen Befindlichkeit lohnt. Dazu zählen beispielsweise

  • die Berücksichtigung von somatischen Markern (vgl. Damasio 2018), um vordringliche Themen und Emotionen in Bezug auf interkulturelle Begegnungssituationen zu eruieren und davon ausgehend neue Handlungsmuster zu entdecken;
  • der Einbezug der eigenen und fremden Körperhaltungen, um deren Effekte auf sein Umfeld und sich selbst zu prüfen und allenfalls zu verändern (vgl. Kosinár 2009, 2010);
  • die Betrachtung von automatisierten und somit unbewussten Anpassungsprozessen, die möglicherweise im Widerspruch mit den eigenen körpersprachlichen Signalen stehen und damit zu innerlichen Konflikten führen können (vgl. Hüther in Storch, 2015).

Mit Embodied Diversity nutzt der Coach also die Körperwahrnehmung des Kunden als zusätzliche – auf den ersten Blick nicht sichtbare – Ressource für die Reflexion von eigenen Erfahrungen und für die Erprobung neuer Handlungsoptionen. Dadurch erfährt die Kundin oder der Kunde in erster Linie viel über sich selbst, über eigene kulturelle Prägungen sowie eigene Verhaltens- und Bewegungsmuster in sozialen Interaktionen und wie sie oder er diese so verändern kann, dass eine konstruktive und wertschätzende Kommunikation in unterschiedlichsten, interkulturellen Begegnungssituationen resultiert.


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