Durch die interkulturelle Brille - März 2021

Vom «weder-noch» zum «sowohl-als-auch» – Coaching von Menschen mit nationalen Mehrfachzugehörigkeiten

 
Artikel verfasst von Marcus Büzberger, Dozent IZB, PH Zug

 Gemäss dem Bundesamt für Statistik hatten im Jahr 2019 37.7% der Schweizer Bevölkerung einen sogenannten Migrationshintergrund. Die Schweiz ist eine Migrationsgesellschaft und das schon längst mit all seinen Chancen und Herausforderungen. Wie in jeder Migrationsgesellschaft stellen sich auch in der Schweiz Fragen nationaler Zugehörigkeiten, wie etwa die Frage, wer zum «Wir» der Schweiz gehört. Es sind Fragen, die immer wieder aufkommen und oft auf polarisierender Art und Weise debattiert werden.

Durch soziale Grenzziehungsprozesse werden Menschen ins «Wir» eingeschlossen und andere davon ausgeschlossen, d.h. in letzterem Fall zu Andern gemacht, mit oft abwertenden und pauschalisierenden Zuschreibungen. Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund machen immer wieder solche Ausschlusserfahrungen, zum Beispiel, wenn sie immer wieder gefragt werden, von wo sie denn ursprünglich kommen. Das kann besonders schmerzvoll sein für Menschen der zweiten oder dritten Generation, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind. Oft können sie sich den Zuschreibungen seitens der dominanten Mehrheitsgesellschaft kaum entziehen. Besonders schwierig ist dies für Menschen, die wegen ihrer Hautfarbe oder sonstigen äusseren Merkmalen von Teilen der Mehrheitsgesellschaft als fremd und damit nicht wirklich zugehörig taxiert werden. Dieses Gefühl des Nichtdazugehörens erleben Betroffene manchmal sehr offen und direkt, z.B. durch Polizeikontrollen oder aber oft auch auf subtile Art und Weise, wie eben durch Fragen nach der Herkunft oder wenn sie automatisch auf Hochdeutsch oder Englisch angesprochen werden.

Menschen mit multiplen nationalen Zugehörigkeiten erwähnen zudem immer wieder, dass es sich für sie anfühlt, wie zwischen zwei Stühlen zu sitzen, dass sie sich also weder zur einen noch zur anderen Welt richtig zugehörig fühlen. Von ihrem jeweiligen Umfeld wird ihnen entweder das Gefühl vermittelt, nicht richtige Schweizer oder nicht richtige Vertreter oder Vertreterinnen des Herkunftslandes ihrer Eltern oder Grosseltern zu sein. Zudem können sie seitens der Schweizer Gesellschaft oder auch seitens der Herkunftsfamilie immer wieder unter Druck geraten, sich für eine Seite zu entscheiden und geraten so in Loyalitätskonflikte. Dabei erbringen sie oft grosse Leistungen, um zwischen den zwei oder mehreren Welten zu navigieren, zu vermitteln und ihre Zugehörigkeiten immer wieder neu auszuhandeln. Vielen gelingt das, manche leiden darunter. Die Fähigkeiten, die sie dadurch entwickeln, bleiben in der Mehrheitsgesellschaft meist unbemerkt und dadurch wenig wertgeschätzt.

Ein Coaching kann Menschen mit nationaler Mehrfachzugehörigkeit darin unterstützen ihre Identität weg von einem «weder-noch» oder einem «entweder-oder» hin zu einer Identität des «sowohl-als-auch» zu entwickeln und sie darin begleiten, zu erkennen, dass ihre Mehrfachzugehörigkeit erstens normal ist und sie sich diese zweitens als Ressource nutzbar machen können. So können sie etwa als Brückenbauer zwischen verschiedenen Welten fungieren, eine Ressource, die gerade in der heutigen globalisierten Welt von enormer Wichtigkeit ist.

 

Literatur
Ataman, F. (2019). Hört auf zu Fragen. Ich bin von hier! Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag.
Marra, A. (2019). Ab wann ist man von hier? Bern: Zytglogge Verlag.

  

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