Durch die interkulturelle Brille - September 2020

Die Chance des zweiten Blicks

Artikel verfasst von Marcus Büzberger, Dozent IZB, PH Zug

Das Konzept des zweiten Blicks wurde vom Institut für Internationale Zusammenarbeit in Bildungsfragen an der PH Zug zum Umgang mit migrationsbezogener Vielfalt im Schulalltag entwickelt. Es ist ein Konzept, das sich auch für Coachingprozesse sehr gut anwenden lässt.

Auf den ersten Blick reagieren wir in Situationen, die uns herausfordern, häufig intuitiv und oft auch emotional auf der Basis unserer Gewohnheiten. Bei unseren ersten Reaktionen neigen wir oft zu Vorurteilen, um eigenen Unsicherheiten aus dem Weg gehen zu können. Wir gehen dabei davon aus, dass wir, d.h. unsere «Wir-Gruppe», die Normalität bildet und die «Andern» von dieser Normalität abweichen und zwar häufig zum schlechteren. Für die als «anders» geltenden kann daraus ein Gefühl von subtiler Ausgrenzung und Abwertung entstehen.

Ein zweiter Blick bietet uns die Chance unsere gewohnten Reaktionen zu überdenken und nochmals genauer hinzusehen und so zu neuen, kreativen und mitunter überraschend einfachen Handlungsoptionen zu gelangen. Als besonders nützlich erweist sich dabei eine Grundhaltung, die von Vielfalt als Normalität und einer Gleichwertigkeit in der Verschiedenartigkeit ausgeht.

Ungewissheit und Nichtwissen zuzulassen und auszuhalten, sich selbst zu erkennen, andere Perspektiven zu erwägen und ein differenziertes Bild zu entwickeln, sind Strategien, die für unsere Wahrnehmungen auf den zweiten Blick äusserst hilfreich sind. Ein situationsangemessener Umgang kann bereichernd und inspirierend, aber gerade im hektischen Schulalltag auch anstrengend und belastend sein. Wichtig ist deshalb auch, entsprechende Belastungen ernst nehmen zu können und als Team gemeinsam unterwegs zu sein.

Die aufgeführten Strategien zur Förderung des zweiten Blicks im Umgang mit migrationsbezogener Vielfalt im Schulalltag, sind auch in Coachingprozessen zentrale Bestandteile. Auch im Coaching geht es darum, den Coachee zu einem genaueren Hinschauen, zu einem zweiten Blick einzuladen und diesen zu fördern.

Ein Coachingtool zur Unterstützung des zweiten Blicks ist beispielsweise das Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedmann Schulz von Thun. Es unterstützt den Coachee darin, seine eigenen Wertehaltungen zu erkennen, einen Perspektivenwechsel zu vollziehen und dabei aber auch Nichtwissen zu lassen zu können. Durch entsprechendes Nachfragen kann der Coach den Coachee zudem darin unterstützen, seine Wahrnehmungen über sich selbst, über andere und über die Situation selbst immer weiter zu schärfen und zu differenzieren.

 

 

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