Für euch nachgefragt im August 2019

Was bedeutet Life Domain Balance?

Begriffe rund um Coaching, Mentoring, Supervision und Resilienztraining wirkungsvoll erklärt

In diesem Monat haben wir bei Sonja Kupferschmid, Geschäftsleitungsmitglied (Produkte/ Entwicklung), bezüglich des Begriffs «Life Domain Balance» nachgefragt. Im folgenden Text erläutert sie, woher der Begriff stammt, was darunter zu verstehen ist und wie dieses Wissen in Begleitungsprozesse einfliessen kann.

 

Life Domain Balance

Definition

Der Vorgänger des Konzepts «Life Domain Balance» ist der vielfach verwendete Ausdruck «Work Life Balance», der die Vereinbarkeit von Beruf und ausserberuflichen Tätigkeiten beschreibt. Dabei werden die beiden Gebiete «Work» und «Life» als zwei unabhängige Bereiche betrachtet, welche möglichst im Gleichgewicht gehalten werden sollen. In Realität zeigt sich allerdings, dass der Alltag nicht aus zwei simplifizierten Zutaten besteht, sondern sich durch eine Vielzahl von Lebensbereichen, sogenannten «Life Domains», auszeichnet, die sowohl positive als auch negative Erlebnisqualitäten aufweisen können. Aufgrund dessen wurde die ursprüngliche Idee der «Work Life Balance» im Sinne einer Ausweitung auf alle möglichen Lebensbereiche weiterentwickelt. Als subjektiv wahrgenommen wichtige Domänen können beispielsweise Erwerbsarbeit, soziale Beziehungen, physische Vitalität und gesellschaftliches Engagement aufgefasst werden. Diese Domänen sollen in eine individuelle Balance gebracht werden mit dem Ziel der Aufrechterhaltung bzw. Verbesserung der Lebensqualität.

Das Konzept «Life Domain Balance» unterscheidet sich von der gängigen «Work Life Balance» somit insofern, dass mehrere Bereiche in Betracht gezogen werden, die über den ganzen Lebensverlauf hinweg unterschiedliche Bedeutungen haben. Darüber hinaus versucht die «Life Domain Balance» über den Alltag hinaus langfristig entscheidendes Verhalten zu antizipieren, was als weitsichtiger betrachtet werden kann als der Zeitrahmen, der mit der «Work Life Balance» üblicherweise betrachtet wird.

Ein hürdenreiches Leben

Ein Leben lang begegnen wir Hürden. Die Anforderungen, mit welchen man konfrontiert wird, verändern sich allerdings je nach Lebensphase. Beispielsweise spielt die Familienplanung im jungen bis mittleren Erwachsenenalter eine grössere Rolle, während ab dem mittleren Erwachsenenalter unter anderem die Pflegebedürftigkeit von Familienangehörigen zum Thema wird. Auch der Übergang in den Ruhestand stellt eine Phase voller Herausforderungen dar, in welcher wichtige Entscheidungen über den Rückzug gefällt werden müssen, z.B. ob dieser graduell oder abrupt verlaufen soll. Welches Bedürfnis zu welchem Zeitpunkt am stärksten ist, unterscheidet sich innerhalb der Lebensspanne sowie auch individuell. Die Balancierung der einzelnen Lebensbereiche ist folglich eine lebenslange Aufgabe für jeden Einzelnen von uns.

Auf die Priorisierung kommt es an!

Wenn nach der Idee der «Work Life Balance» vorgegangen werden würde, sollten bei der «Life Domain Balance» alle Domänen gleichermassen gewichtet und Bereiche, für welche die zur Verfügung stehende Zeit nicht ausreicht, gestrichen werden. Eine Studie von Salmela-Aro und Wiese (2006) zeigte jedoch interessanterweise auf, dass der Fokus auf mehreren Lebensbereichen mit einer höheren Lebenszufriedenheit in Verbindung steht. Personen, welche sich viele unterschiedliche Ziele setzten und damit mehrere Domänen gleichzeitig fokussierten, berichteten durchschnittlich eine höhere Lebenszufriedenheit verglichen mit Personen, welche sich nur einzelne Bereiche zum Fokus nahmen, wie beispielsweise nur arbeitsspezifische oder nur familienbezogene Ziele.

Demnach sollte bei der Regulierung der unterschiedlichen Anforderungen nicht auf gewisse Lebensdomäne komplett verzichtet, sondern viel mehr angemessen priorisiert werden. Im Sinne des «Life Domain Balance»-Konzepts müssen die Ressourcen, die man in die unterschiedlichen Domänen investiert, auch nicht in jeder Lebensetappe gleichmässig verteilt sein, sondern können über eine längere Zeit hinweg reguliert werden. Es ist somit durchaus möglich, je nach Lebensphase bestimmte Ziele auf die Warteschlange zu setzen, um sich stärker auf die aktuell relevanten Bedürfnisse – welche womöglich zeitlich begrenzt sind (wie z.B. eine Elternschaft) – zu fokussieren.

Corporate Social Responsability (CSR)

In der Schweiz sind aktuell 5.1 Mio. Personen erwerbstätig (Bundesamt für Statistik, 2018). Dies weist darauf hin, dass die Domäne «Arbeit» nichtsdestotrotz ein sehr wichtiger Lebensbereich darstellt. Zur Arbeit gehört letztendlich auch die Organisation mit dazu, welche die Rahmenbedingungen für eine gute «Life Domain Balance» erst ermöglicht.

Die Arbeitswelt hat sich im modernen Arbeitsmarkt ausgeweitet: Durch die Flexibilisierung der Arbeitszeiten, -orten und -formen sowie der Anwendung moderner Telekommunikation bieten sich zwar neue Möglichkeiten, um die Erwerbstätigkeit den entsprechenden Lebensumständen anzupassen, jedoch wird damit die Arbeit auch in die eigenen vier Wänden gebracht, was zur Verwischung der Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben führen kann. Die dazugewonnene Flexibilität verlangt ausserdem eine zunehmende Selbstorganisation und Eigenverantwortung der Arbeitnehmenden, was auf die persönlichen Ressourcen zurückgreift.

Empirische Studien legen nahe, dass insbesondere hochqualifizierte Mitarbeitende unzählige Überstunden leisten und dies häufig unentgeltlich, was vermehrt als Disbalance empfunden wird (z.B. Metz-Göckel, 2004). Demnach bedingt es der Unterstützung des Betriebes im Sinne einer unternehmerischen Gesellschaftsverantwortung (Corporate Social Responsability, CSR). Dazu gehören unter anderem familienfreundliche Angebote, wie beispielsweise ein über die gesetzlichen Ansprüche hinausgehender Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub, Job-Sharing, Unterstützung bei angehenden Weiterbildungen der Mitarbeitenden, usw. Werden in Unternehmen solche Massnahmen ergriffen, können häufig geringere Fluktuationen und reduzierte Abwesenheitszeiten beobachtet werden – die betriebliche Förderung der «Life Domain Balance» ist somit für beide Seiten von Vorteil.

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Praxistipp für Begleitungsprozesse

Was bringt mir dieses Wissen in der Praxis?

Dieses Wissen hilft uns, uns erneut bzw. wieder stärker bewusst zu werden, dass wir Menschen aktiv auf unser individuelles Wohlbefinden und die daraus resultierende Lebensqualität Einfluss nehmen können, indem wir unsere Anforderungen und Bedürfnisse in unterschiedlichen Lebensbereichen mit einem längerfristigen Blick aufeinander abstimmen.

Basierend auf diesem Hintergrundwissen ist es in unserer Rolle als Begleitungspersonen wichtig, stets darauf zu achten, dass bei unserem Gegenüber und insbesondere bei Teams mit unterschiedlichen Mitarbeitenden je nach Alter und Lebensumstände unterschiedliche Anforderungen und Bedürfnisse vorliegen. Arbeitskollegen sind nicht zuletzt auf die soziale Unterstützung untereinander angewiesen, weshalb diese, wenn immer möglich, gefördert werden soll.

Auch Organisationen können wir das «Life Domain Balance»-Konzept näherbringen und ihnen dadurch bewusstmachen, dass sie die Rahmenbedingungen für die individuelle Balancierung der unterschiedlichen Lebensbereiche schaffen. Dabei ist die Planbarkeit und die damit entstehende Möglichkeit zur Selbstregulierung, wie beispielsweise das Festlegen von Projektabläufen und -fristen, ein wichtiger Aspekt. Betriebliche Massnahmen für die Vereinbarkeit von Lebensdomänen können die «Life Domain Balance» unterstützen, führen jedoch nicht automatisch zum Erfolg. Für den Einzelnen ist es entscheidend, das Verhältnis der unterschiedlichen Lebensbereiche dem aktuellen Bedürfnis anzupassen, sodass auch in langfristiger Hinsicht ein persönliches Wohlbefinden vorhanden ist. Auch hier können wir im Rahmen einer Begleitung zusammen mit dem Kunden/der Kundin die einzelnen Domänen reflektieren und priorisieren. Denn die Balancierung im Sinne der «Life Domain Balance» ist ein lebenslanger, dynamischer und sich wandelnder Prozess.

Quellenangaben

Metz-Göckel, S. (2004). Wenn die Arbeit die Familie frisst: Work Life Balance als Genderproblem? In M. Kastner (Hrsg.), Die Zukunft der Work Life Balance (S.107-139). Kröning: Asanger.

Salmela-Aro, K., & Wiese, B. S. (2006). Communicating personal goals: Consequences for person perception in the work and family domains. Swiss Journal of Psychology, 65, 181-191.

Ulich, E., & Wiese, B. S. (2011). Life Domain Balance. Wiesbaden: Gabler Verlag.

 

 

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