Für euch nachgefragt im Dezember 2020

Was bedeutet das Selbst?

Begriffe rund um Coaching, betriebl. Mentoring, Supervision und Resilienztraining wirkungsvoll erklärt

In diesem Monat haben wir bei Stefanie Philipp, unserer Fachspezialistin Produkteentwicklung, nachgefragt, was der Begriff «das Selbst» bedeutet. Im folgenden Text erläutert sie, woher der Begriff stammt, was darunter zu verstehen ist und wie dieses Wissen in Begleitungsprozesse einfliessen kann. 

Das Selbst


Der Begriff «Das Selbst» wird je nach Kontext unterschiedlich definiert und verwendet. Er hat seine vielfältigen Wurzeln in der Psychologie, der Soziologie, der Philosophie sowie der Theologie (Stangl, 2020). In der Psychologie hat das Konstrukt die grundlegende Funktion, uns als Individuen zu definieren und über die Frage «Wer bin ich?» herauszufinden, was uns als Menschen einzigartig macht. «Das Selbst» ist somit ein Teil von uns, mit dem wir uns – ob bewusst oder unbewusst – unser ganzes Leben lang beschäftigen.

Definition

Laut Berk (2005) besteht «das Selbst» aus dem Wissen und den Gefühlen über uns und aus der persönlichen Überzeugung, etwas bewirken zu können. Man könnte auch sagen, «das Selbst» ist ein Konzeptsystem aus den Gedanken und Einstellungen über uns als Personen (Siegler, 2016).

Dieses Selbst-Konzept wird in überdauernden Wissensstrukturen organisiert und gilt als relativ stabil. Es ist die Wahrnehmung der eigenen, einzigartigen Attribute oder Eigenschaften (Markus, 1986). William James (1890), ein US-amerikanischer Psychologe und Philosoph, sprach bereits in der ersten grundlegenden Arbeit von zwei unterschiedlichen Komponenten, die für das Selbst-Konzept von Bedeutung sind: Er unterscheidet zwischen dem Subjekt («I» oder «privates Selbst»), welches bezeichnet, wie wir uns selbst sehen und dem Objekt («Me» oder «öffentliches Selbst»), welches die Sicht meint, die andere Personen auf uns haben. Diese Unterscheidung der individuellen Komponente von der sozialen Komponente ist auch heute noch aktuell.

Instinktiv haben wir alle eine ungefähre Vorstellung davon, was mit dem Begriff «das Selbst» gemeint ist. Doch es existieren sehr viele abgewandelte Begriffe zu diesem Konstrukt, die unterschiedliche Bedeutungen tragen und zum Teil auch ineinanderfliessen. Im Folgenden sollen einige Teilbegriffe erläutert und so gut wie möglich voneinander differenziert werden.

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Selbst-Erkennung beschreibt die Wahrnehmung der eigenen Person als von anderen Menschen und Objekten verschieden. Sie erlaubt uns beispielsweise zu verstehen, dass andere Personen andere Meinungen und Einstellungen vertreten können als wir selbst.

Selbstaufmerksamkeit beschreibt das Ausmass, in dem wir unsere Aufmerksamkeit auf innere oder äussere Aspekte der eigenen Person richten. Eine hohe Selbstaufmerksamkeit sorgt somit dafür, dass wir uns unseres eigenen Tuns und unserer eigenen Gedankengänge bewusst sind.

Selbst-Definition beschreibt die Teilmenge selbstbezogenen Wissens, welches stabil und biographisch bedeutsam ist und uns von anderen Personen unterscheidet. Eine hoch ausgeprägte Selbst-Definition führt dazu, dass wir uns bewusst sind, was uns als Individuum ausmacht.

Selbstwertgefühl ist die Bewertung von Aspekten des Selbstkonzeptes als positiv oder negativ. Es drückt aus, welchen Wert wir uns selbst als Person beimessen.

Selbst-Schemata sind häufig aktivierte, zentrale, stabile, gut elaborierte Aspekte des Selbstkonzeptes. Ein Beispiel wäre hier etwa die Einschätzung der eigenen Intelligenz oder der eigenen Empathie.

Selbstwirksamkeit beschreibt die Überzeugung, dass man in einer bestimmten Situation, selbstständig und aus eigener Kraft, eine angemessene Leistung erbringen kann. Dieses Gefühl der eigenen Fähigkeit beeinflusst die Wahrnehmung, die Motivation und die Leistungsfähigkeit (Krapp, 2002).

Selbstidentität gibt Antwort auf die Frage: Wer bin ich? Sie entsteht durch die Konstanz des «Selbst als wahrnehmendes Subjekt» («I»), auch wenn das «Selbst als wahrgenommenes Objekt» («Me») sich verändert. Eine zentrale Eigenschaft und Bedingung der Identität ist die wahrgenommene Kontinuität des Selbst über Zeit und Situationen (Erikson, 2017).

Zusammengefasst ist «das Selbst» ein komplexes und vielschichtiges Gesamt-Konzept über uns selbst, das sich durch unsere Beobachtungen, Erfahrungen und Erinnerungen entwickelt. Auch unser Verhalten und die damit verbundenen Reaktionen anderer Menschen haben einen Einfluss darauf, wie wir uns selbst wahrnehmen – ein (selbst-)konstruiertes Bild, das wir Tag für Tag von Neuem anpassen. 

Praxistipp für Begleitungsprozesse

Was bringt mir dieses Wissen in der Praxis?

Das Selbst-Konzept ist sehr zentral in Begleitungsprozessen. Oftmals geht es darum, dass wir als Begleitungspersonen das Selbstwertgefühl unserer Kundinnen und Kunden stärken, damit sie die festgelegten Ziele verfolgen und erreichen können. Das Selbstwertgefühl ist die subjektive Bewertung des Selbst-Konzepts und somit stark von der Wahrnehmung, dem Wissen und den Gedanken über sich selbst abhängig. Stellen Sie sich vor, jemand hat ein sehr geringes Selbstwertgefühl. Womit könnte das zusammenhängen? Aufgrund unseres Hintergrundwissens sollten wir vom Offensichtlichen Abstand nehmen und mehrere Aspekte in Betracht ziehen. Es könnte z.B. sein, dass die Person die negativen Aspekte ihres Verhaltens oder ihrer Eigenschaften mit grösserer Aufmerksamkeit wahrnimmt als die positiven Aspekte. Es könnte aber auch sein, dass das Selbst-Konzept der Person vielmehr von der sozialen Komponente bestimmt wird als von der individuellen Komponente. Dies kann insbesondere dann ungünstige Folgen haben, wenn das soziale Umfeld wenig Wertschätzung vermitteln kann. Gleichzeitig können wir uns diejenigen Aspekte vor Augen führen, welche unser eigenes Selbst-Konzept ausmachen. Durch diese Klarheit können wir in unseren Beratungen und/oder Begleitungen selbstbewusster und damit kompetenter auftreten.

 

 

Quellenangaben

Berk, L. E. (2005). Entwicklungspsychologie. Die Entwicklung des Menschen von Geburt bis Lebensende im Überblick (3., aktual. Aufl.). München: Pearson Studium.

Erikson, E. H., and Hügel, K. Identität und Lebenszyklus: Drei Aufsätze (28. Aufl.). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Krapp, A., & Ryan, R. M. (2002). Selbstwirksamkeit und Lernmotivation. Eine kritische Betrachtung der Theorie von Bandura aus der Sicht der Selbstbestimmungstheorie und der pädagogisch-psychologischen Interessentheorie. Zeitschrift für Pädagogik, 44, 54-82.

Markus, H., & Kunda, Z. (1986). Stability and malleability of the self-concept. Journal of personality and social psychology, 51(4), 858-866.

Siegler, R. S., Eisenberg, N., DeLoache, J. S., Saffran, J. & Pauen, S. (2016). Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter (4. Aufl.). Berlin Heidelberg: Springer.

Stangl, W. (2020). Selbst. Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Verfügbar unter lexikon.stangl.eu/5531/selbst/ [05.09.2020]. Dein

 

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