Für euch nachgefragt im Oktober 2019

Wer ist Mihály Csíkszentmihályi?

Begriffe rund um Coaching, Mentoring, Supervision und Resilienztraining wirkungsvoll erklärt

In diesem Monat haben wir bei Karin Sidler, Geschäftsleitungsmitglied (Geschäftsstelle/ QM/Informatik, Lehrcoach und Dozentin), bezüglich Mihály Csíkszentmihályi nachgefragt. Im folgenden Text erläutert sie, wer Mihály Csíkszentmihályi ist, was seine wichtigsten Forschungsbeiträge sind und wie sich dieses Wissen in Begleitungsprozesse einfliessen lässt.

 

Mihály Csíkszentmihályi

Zu seiner Person

Der ungarische Professor Mihály Csíkszentmihályi, ausgesprochen ‘Mie-hai Tschick-centmie- hai’, ist neben Martin Seligman und Christopher Peterson einer der Gründerväter der Positiven Psychologie. Der heute 84-Jährige verbrachte seine frühen Jahre im heutigen Rijeka. Geprägt vom Zweiten Weltkrieg interessierte er sich schon früh dafür, weshalb es Menschen trotz den schweren Folgen des Krieges (z.B. fehlende Arbeit, Mangel an Lebensmittel und Sicherheit) gelang, glücklich zu sein und im Alltag Momente der Freude zu empfinden. Getrieben von der Frage, was zu einem lebenswerten Leben beiträgt, vertiefte er sich zunächst im Bereich der Philosophie. Als Csíkszentmihályi während eines Skiaufenthalts in der Schweiz unwissentlich ein Gastvortrag von Carl Jung besuchte, erkannte er die Möglichkeit, mit der psychologischen Forschung Antworten auf seine Fragen zu finden. Um das Konzept der «Happiness» genauer zu untersuchen und die verschiedenen Wirkmechanismen zu verstehen, reiste er für ein Psychologiestudium in die Staaten, wo er heute noch als Forscher und Lehrbeauftragter an der Universität in Chicago tätig ist. Zu seinen Schwerpunkten gehören neben «Happiness», Innovation und Kreativität vor allem «Flow». Da diese Themen den Nerv der Zeit treffen, sind seine Bücher in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden und sehr beliebt – sowohl bei Forscherinnen und Forschern als auch in der Praxis.

Die Forschung des Glücks

«The best moments in our lives are not the passive, receptive, relaxing times… The best moments usually occur if a person’s body or mind is stretched to its limits in a voluntary effort to accomplish something difficult and worthwhile.» – Csíkszentmihályi (1990).

 

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Das Flow-Konzept

Wann sind wir im Alltag glücklich? Dieser Frage widmete sich Csíkszentmihályi in den letzten 40 Jahren. Dazu führten er und seine Forschungskollegen tausende von Interviews in verschiedenen Kulturen und mit unterschiedlichen kreativen Personen (z.B. Musiker, Tänzer und Künstler), die den grössten Teil ihrer Zeit mit ihrer Arbeit verbringen. Csíkszentmihályi interessierte sich insbesondere dafür, wie sie diese Personen während ihrer Beschäftigung fühlen und was sie dazu antreibt. Sie alle berichteten von einem Zustand, in dem sie aufgehen und sich selber sowie die Welt um sich völlig vergessen, während sie aktiv ihrer Tätigkeit nachgehen. In solchen Momenten wird die Kreativität in Gang gesetzt. Dieser Zustand wird als «Flow-Erleben» bezeichnet, wobei das Ausführen der Tätigkeit selbst als Vergnügen empfunden wird. Dieses Konzept ist in östlichen Kulturen, wie beispielsweise dem Buddhismus, schon seit einigen Tausend Jahren bekannt, allerdings unter anderen Begriffen. Mit den gesammelten Informationen definierte Csíkszentmihályi (2014) 9 Bedingungen, in denen man Flow erfahren kann:

  1. Die Ziele sind eindeutig – man weiss genau, was man erreichen möchte.
  2. Die Rückmeldung erfolgt sofort – man weiss in jedem Moment, wie gut man die jeweilige Tätigkeit ausführt.
  3. Die eigenen Fähigkeiten entsprechen den Anforderungen.
  4. Eine hohe Konzentration wird erlebt.
  5. Probleme ausserhalb der Tätigkeit werden vergessen.
  6. Man verfügt stets über Kontrolle im eigenen Handeln.
  7. Die Selbstwahrnehmung verschwindet – man vergisst eigene Bedürfnisse wie Durst, Hunger etc.
  8. Die Zeitwahrnehmung ist verändert.
  9. Es liegt eine intrinsische Motivation vor.

Folglich lässt sich Flow als dynamischer Prozess beschreiben, bei dem die Anforderungen weder zu hoch noch zu tief sind und unter Berücksichtigung der eigenen Fähigkeiten stetig gesteigert werden. Csíkszentmihályi erwähnt bei der 9. Bedingung häufig den Begriff der Autotelie, welcher eine Handlung beschreibt, die ausschliesslich die Handlung selbst zum Ziel hat – also wenn eine Aktivität zum Selbstzweck wird. Das Aufgehen in einer Beschäftigung kann nur erfolgen, wenn keine äusseren Kriterien die Ursache für die Handlung sind. Beispielsweise übt ein Pianist stundenlang, nicht damit er vermehrt vor grossem Publikum spielen kann, sondern weil ihm das Musizieren an sich Erfüllung schenkt. Geht man einer Aktivität intentional, intrinsisch motiviert und autotelisch nach, so begibt man sich in einen psychologischen Zustand mit einer mächtigen Triebkraft, welche wiederum bereichernd wirkt.

Praxistipp für Begleitungsprozesse

Was bringt mir dieses Wissen in der Praxis?

Csíkszentmihályi hat uns viel Wissen mitgegeben, welches wir als Begleitungsperson sowohl beruflich als auch privat nutzen können. Glücklich-Sein liegt innerhalb unserer Kontrolle, d.h. wir alle sind für unser Glücksempfinden verantwortlich. Ein Weg für «Happiness» besteht darin, wie wir unsere psychische und physische Energie verwenden. Mit anderen Worten: Glücklich sein bzw. werden können wir, indem wir in unsere täglichen Tätigkeiten Kraft und Freude einfliessen lassen, sprich Flow erleben und dadurch neue Energie schöpfen.

Um Flow-Erlebnisse zu ermöglichen, müssen Bedingungen dafür geschafft werden. Wie häufig verbringen wir unser Alltag mit dem, was wir wirklich gerne tun? Dabei kann es sich um Hobbies, sportliche Aktivitäten oder auch um die eigene Arbeit handeln, massgeblich sind die Emotionen, die wir darin empfinden. Fragen Sie demnach Ihr Gegenüber, welchen Tätigkeiten er/sie im Verlauf eines Tages nachgeht und welchen Dingen er/sie sich gerne vermehrt widmen würde. Vielleicht gibt es z.B. bei der Arbeit Spielraum für Aufgaben, in denen er/sie aufgehen kann.

Eine Barriere, die überschritten werden sollte, ist die Höhe der dabei entstehenden Anforderungen. Es ist entscheidend, sich aus der eigenen Komfortzone zu begeben und gewissen Herausforderungen zu stellen, auch wenn dies zunächst mit Unsicherheit, Angst oder Aufregung verbunden ist. In den Untersuchungen von Csíkszentmihályi entstand Flow am ehesten, wenn in der ausgewählten Tätigkeit sowohl die Anforderungen als auch die Fähigkeiten als hoch eingestuft wurden. Die Schwierigkeit besteht darin, weder Unter- noch Überforderung entstehen zu lassen. Prüfen Sie bei Ihrem Gegenüber daher die Anforderungshöhe und ermutigen Sie ihn/sie dazu, Herausforderungen anzunehmen. Denn je häufiger man sich in einen Flow-Zustand begibt, desto eher wachsen die geforderten Fähigkeiten. Somit führt Flow-Erleben über die Zeit hinweg nicht nur zu einer höheren Glücksempfindung, sondern auch zu einer Weiterentwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten.

 

 

Quellenangaben

 

Csíkszentmihályi, M. (2019). Flow. Das Geheimnis des Glücks. Stuttgart: Klett-Cotta.

Csíkszentmihályi, M. (2014). Applications of Flow in Human Development and Education – The Collected Works of Mihaly Csíkszentmihályi. Heidelberg: Springer Verlag.

Csíkszentmihályi, M. (2001). Lebe gut! Wie Sie das Beste aus Ihrem Leben machen. München: Deutscher Taschenbuchverlag GmbH.

Csíkszentmihályi, M. (1997). Kreativität. Wie Sie das Unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden. Stuttgart: Klett-Cotta.

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