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Prosilienz

Know-how und Do-how für Coaches

Lesedauer: ca. 6 Minuten

Aktuelles Know-how und spannendes Do-how aus der Coachingwelt warten auf dich! Lass dich für deinen Praxisalltag als Begleitungsperson inspirieren und halte dein Fachwissen aktuell. 

Lerne in diesem Monat den Begriff «Prosilienz» kennen. Erfahre durch Sonja Kupferschmid, Geschäftsführung, was darunter zu verstehen ist und wie du dieses Wissen in deinen Praxisalltag als Begleitungsperson wirkungsvoll integrieren kannst.

Prosilienz

Wir leben in einer sehr fordernden Zeit. Die Berufswelt wandelt sich durch Digitalisierung und Globalisierung in rasantem Tempo, Arbeiten werden komplexer, Denkweisen und Handlungsabfolgen vernetzter. Die VUCA-Welt ist durch ihre volatile und unvorhersehbare Eigenart dazu imstande, neue, bislang undefinierte und unbekannte Krisen ans Tageslicht zu bringen. Widerstandsfähigkeit und Agilität sind wichtige Voraussetzungen, um solchen kommenden Umständen nachhaltig entgegenzutreten. Doch was ist vor der Krise? Die Prosilienz erklärt ein Konzept der proaktiven Resilienz. Also wie wir resilient sein können, bevor der Grund zur Resilienz überhaupt eintrifft.

Definition

Prosilienz, wie es der Begriff bereits vermuten lässt, stammt vom bekannten Ausdruck Resilienz und beschreibt die vorausgehende, proaktive Widerstandsfähigkeit. Das Konzept wurde von Sebastian Mauritz entwickelt und beschreibt eine innere, mentale Kompetenz, um heute die Ressourcen von morgen aufzubauen. Prosilienz bedeutet, dass aus der Zukunft gelernt wird – aus künftigen, vorweggenommenen Krisen.

Im Gegensatz zur Resilienz fordert Prosilienz kein Durchlaufen einer realen Krise und gewährleistet trotzdem einen ähnlichen Lerneffekt, um selbstermächtigend und selbstwirksam durch (Nicht-)Ereignisse zu wachsen (Mauritz 2020).

Dr. med. Gunther Schmidt (2023) bringt das Konzept weiter auf den Punkt und beschreibt den Begriff Prosilienz in drei Maximen, auf welchen dieser sich fokussiert:

  1. Was in herausfordernden Situationen gelernt wurde, gehört in ein Repertoire an Kompetenzen, welches für künftige Herausforderungen wieder gebraucht werden soll.
  2. Ressourcen aller Art, die dabei geholfen haben, eine Herausforderung zu bewältigen, werden durch gezielte Fokussierungs-Prozesse immer wieder selbstwirksam reaktiviert und adressiert.
  3. Wie sich dadurch die Wahrnehmung von Personen in flexibler, gesundheitsförderlicher Weise verändert hat.

Verbindung und Unterscheidung zwischen Resilienz und Prosilienz

Der Wortlaut verrät, dass Resilienz und Prosilienz in enger Verbindung und doch klarer Unterscheidung zu verstehen sind.

Aus dem bekannten Konzept der Resilienz geht das neue Konzept der Prosilienz hervor. Beide sind zu verstehen als personelle sowie organisationale Ressourcengewinnung und -nutzung und legen den Hauptfokus auf das Stärken-Wachstum.

Resilienz gilt als Kompetenz einer Person oder Organisation, Ressourcen zu stärken, die dann beim Eintreffen einer Krise dazu befähigen, gestärkt daraus hervorzugehen. Dabei werden im Vorfeld einer Herausforderung Ressourcen (bspw. Selbstvertrauen oder Optimismus) erschlossen, während der Challenge genutzt und nach der Herausforderung gestärkt. Resilienz benötigt also das Eintreffen eines kritischen Ereignisses (posttraumatisches Wachstum), um vollwertig zum Tragen zu kommen.

Dem gegenüber steht die Prosilienz. Sie ist nicht auf das effektive Eintreten eines Ereignisses angewiesen, um stärkend zu wirken. Prosilienz bedient sich der Zukunftsprojektion, antizipiert mögliche kritische Ereignisse und baut darauf Ressourcen auf (Mauritz 2020).

Beispiel Resilienz: Nach einer missglückten Prüfung werden vorhandene soziale Ressourcen angezapft – das Gespräch mit einer guten Kollegin wirkt dabei als soziale Ressource stärkend auf das Selbstvertrauen, wodurch die Prüfungswiederholung mit Bravour gelingt.

Beispiel Prosilienz: Vor einer Prüfung (die Möglichkeit des Nichtgelingens wird antizipiert) wird eine soziale Ressource erschlossen. Das Selbstvertrauen wird dadurch bereits vor einer möglichen Wiederholung gestärkt und die Prüfung gelingt auf Anhieb. 

Die drei Elemente der Prosilienz

Um also im Hier und Jetzt aus künftigen Krisen und Herausforderungen zu lernen sowie zu wachsen, müssen drei Elemente, die die Prosilienz ausmachen, berücksichtigt werden.

Element 1: Zukunft

Um eine Zukunft zu konstruieren, muss so getan werden, «als ob». Das menschliche Hirn kennt nur das Jetzt. Die Vergangenheit wird aus der momentanen Situation heraus «rekonstruiert» und die Zukunft wird aufgrund der Vergangenheit, also Erfahrungswissen, «prognostiziert». Um also eine zukünftige Herausforderung zu imaginär, gedanklich zu erzeugen, sind zwei Grundannahmen wichtig. Erstens braucht eine Person oder auch ein Unternehmen die Annahme, dass es eine kritische Herausforderung geben wird. Eine geglaubte Krisensicherheit (die es gerade in der heutigen Welt nicht gibt) verstärkt umso mehr die Überraschung, wenn es so weit ist. Zweitens braucht es die Annahme, dass Herausforderungen bewältigt werden können (Hoffnung). Nur wenn die Hoffnung daran, aus Krisen zu lernen, gelebt wird, können aus einem «gespielten» Szenario Erkenntnisse gewonnen werden.

Element 2: Krise

Hier geht es darum, aufgrund hypothetischer Annahmen Herausforderungen zu «gestalten». Das Wichtigste dabei ist, dass kreativ nach vielleicht absurd wirkenden Herausforderungen gesucht wird. Denn wenn es bereits bekannte Herausforderungen sind, dann kommt das Erfahrungswissen ins Spiel, was dabei hindert, Neues zu lernen. Folgende Fragen können dabei helfen, das Gehirn zum Denken über Unerwartetes zu zwingen:

  • Was müsste passieren, damit die Strategie XY für die Zukunft grundlegend erschüttert werden würde?
  • Was wäre das Unwahrscheinlichste, das passieren kann?

Element 3: Innere Haltungen

Zu den inneren Haltungen und Einstellungen, die die Prosilienz stärken, gehören Vertrauen, Gelassenheit, Neugierde, Reflexion und Humor (Mauritz 2020).  

Praxistipp für Begleitungsprozesse

Was bringt mir dieses Wissen in der Praxis?

Als Begleitungspersonen sind wir ressourcenorientiert unterwegs und unterstützen Menschen sowie Organisationen in herausfordernden Momenten. Die rasante Veränderung der Um- und Arbeitswelt führt dazu, dass sich solche Herausforderungen immer mehr überlappen, in knapperen Zeiträumen entstehen und daher auch in kürzerer Zeit zu bewältigen sind, um nachhaltig unterwegs sein zu können.

Das Konzept der Prosilienz, zu verstehen als wichtiges, zukunftsorientiertes Pendant zur Resilienz, ergänzt unser Repertoire und gibt uns ein Werkzeug zur Hand, um unsere Kundinnen und Kunden vorausschauend und antizipativ «resilienter» oder eben prosilient zu machen. Gerade das «Tun als ob» kann herkömmliche Problemlösestrategien brechen und einen neuen Lösungsraum generieren. Etwas, das unerlässlich ist, um in einer agilen, vernetzten Welt gesund zu bleiben – denn neue Herausforderungen fordern neue Herangehensweisen. 


Quellenangaben

Mauritz, Sebastian (2020): Prosilienz – Das Lernen aus zukünftigen Krisen. Resilienz Akademie: Verfügbar unter: /www.resilienz-akademie.com/prosilienz

Schmidt, Gunther (2023): Resilienzforum Coachingzentrum Olten – Resilienz oder Prosilienz? Vorlesungsfolie 5, 11.09.2023.